PROMETHEUS Der Boxer oder wie die Freiheit in die Welt kam Objekte und Bilder Galerie Schlehn Empeder Str. 9 31535 Neustadt, Ortsteil Empede Tel./Fax: +49 5032 64601 7. Juli bis 4. August 2006 |
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Prometheus – der Boxer oder wie die Freiheit in die Welt kam –
Diese Werkgruppe Ingo Lies, die als Ausgangspunkt inhaltlich und assoziativ an Prometheus aus der griechischen Mythologie anknüpft, ist seine erste Einzelausstellung in der Galerie Schlehn nach zehn Jahren.
Gezeigt werden Bilder und Wandobjekte als Ausschnitt aus einem Werk, das sich wesentlich aus dem Medium der Zeichnung und Reflexionen in Form von Theorieschriften, Essays und literarischen Texten entwickelte.
In den letzten Jahren arbeitet Lie auch im Medium des Internet und im zeichnerischen Prozess mit Hilfe des Computers, wie seine Installation „Janus-Pass“ 2005 im Mönchehaus Museum, Goslar eindrucksvoll belegte. Siehe: www.moenchehaus.de/kuenstl/ingo_lie/i_lie.html
Thematisch schöpft der Prometheus-Zyklus ebenso wie der „Janus-Pass“ aus dem utopischen Anspruch einer einlösbaren „Verbesserung der Welt“ über die Kunst. Auch im Appell an die Einsicht des Einzelnen, an die Möglichkeit ihrer positiven Gestaltung und Kurskorrektur im Zeitalter der Gewinnmaximierung in den gesellschaftlichen Prozessen mit ihren politischen, sozialen und zwischenmenschlichen Konsequenzen. |
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Wenn Ingo Lie den Untertitel „der Boxer oder wie die Freiheit in die Welt kam“ nennt, assoziiert er, dass Freiheit nicht kampflos gegeben wird und dass sich der Kampf von den Anfängen bis zur Gegenwart der Menschheitsgeschichte fortsetzt. Andrerseits, wenn über Prometheus und das, was er uns zur Verfügung stellte, potentiell die Freiheit in die Welt kam, stellt sich die Frage, inwieweit sie von uns qualitativ eingelöst wurde und was wir mit ihr anfangen. Vor diesem Hintergrund hat Ingo Lie den Prometheus-Mythos in Bilder und Objekte umgesetzt, in denen der Archetypus Mensch als Widerspiegelung des Prometheus symbolisch als Boxer dargestellt ist. Der von ihm geschilderte Mensch zeigt sich kämpfend und aufgebend, stark und schwach, zuversichtlich und träumend, triumphierend und an sich zweifelnd, Trost und Liebe suchend, geschlagen und sich aufrichtend. Er nimmt die Kreaturen und die Welt, in der er lebt, in seinen Besitz, nutzt das, was sie ihm gibt, für sein alltägliches Leben, seine Errungenschaften und Erfindungen. Im jüngeren Verlauf der Menschheitsgeschichte scheint er in seinen Forschungen, Handlungen und Realisierungen damit zu beginnen, sich von den essentiellen Zusammenhängen der Schöpfung zu entfernen, sich von ihr abzusetzen und ein eigenes Spiel mit ungewissem Ausgang zu spielen. |
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Ingo Lies Malereien, in ihrem Potential an Expressivität und Kraft, Sensitivität und auch Poesie, bilden den Spannungsbogen zu seinem im Verlauf der Jahrzehnte kontinuierlich wachsenden zeichnerischen Werk, in dem seine Intentionen inhaltlich und thematisch in immer neuen Werkgruppen durchdekliniert werden.
Lies Wandobjekte stammen in ihrer figurativen Formgebung als Selektion aus diesem großen Reservoir, um in ihrer Transformation ins Skulpturale Zeichnung, Malerei und plastische Prinzipien synthetisch zu verbinden. Betrachten wir seine Objekte und Malereien fällt auf, dass Rot und Blau einen eigenen Stellenwert haben. Wie die figürliche Symbolik in seinen Bildern und Objekten sind es diese beiden Farben, die in seinem Werk eine nicht abreißende Spur kenntlich werden lassen, die uns in den inhaltlichen Raum führt, der allen seinen bildnerischen und plastischen Umsetzungen vorangestellt ist. Rot und Blau visualisieren seine erkenntnistheoretischen Schriften ins Bild. Ihre Flächen, Lineaturen und Bahnen verbinden Bildelemente untereinander und stellen implizit Zusammenhänge her. Die Thematik und deren Ausformulierungen begann im Jahr 1977 mit den Thesen zu seiner Basisschrift „Sonnensolidarität“. Es folgten darauf noch zahlreiche Texte seiner Hand – u. a. auch Romane – die sämtlich in einem inhaltlichen Bezug zueinander stehen. Worum es dabei im Kern geht, wird in seinen Ausführungen über die „Dritte Natur“, erschienen 1994, besondern klar und deutlich herausgearbeitet. |
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Aus dieser Schrift mit dem Untertitel „Ein Streit um das Selbstverständnis des Menschen, um seine Fähigkeiten, seine Liebe. Ein Entwurf zur Wahrnehmung einer neuen Welt“ möchte ich zitieren, weil sie zum Verständnis auch des „Prometheus-Projektes“ beiträgt: „Der Mensch und mit ihm die begreifbare Welt sind in einen Zeitabschnitt eingetreten, in dem sich eine vollständig neue Natur zu definieren beginnt. Es ist die Welt der Apparate, der Instrumente und schließlich jener Maschinen, die sich aus der menschlichen Hoffnung, seinem Willen und seiner Vorstellung zur eigenständigen Wirklichkeit entwickeln, zu einer Realität, in der menschliche Fragen nach eigenständiger Handlung zunehmend absurd werden.“ In dieser Wirklichkeit hat Verantwortlichkeit aufgehört zu existieren, auch wenn sich in ihr vermehrt die Frage nach Verantwortung stellt. Es ist keine futuristische Welt. Die Zukunft hat längst begonnen. Die Kunst unserer Zeit ist summarisch der Ausdruck dreier Naturen: der göttlichen, der menschlichen und der maschinellen. Angesprochen ist hier also als erste Natur die Gottesnatur, aus der – unabhängig von Glaubensfragen – aus einem Uranfang heraus sämtliche Anlagen entstammen. Ein Anfang, in dem der Mensch sich in Gott und dessen Schöpfung aufgehoben fühlte. In der zweiten, der biologischen Natur, sucht der Mensch seine spezifische Wirklichkeit, in der er seine eigentümliche unendliche Möglichkeit formuliert und gestaltet. In dieser Welt sucht und findet er sein Selbst. In ihr erkennt er seine eigene Unvollkommenheit und die Begrenztheit der Kraft. In ihr erfährt er Leben und Tod. In dieser Natur erkennt er die Einsamkeit. In ihr erfährt er seine Erschaffenheit und das Ausgeliefertsein an entweder göttliche Versicherungen und die Notwendigkeit, sich vollständig zu emanzipieren. Er tötet seinen Gott, seine Götter, seine geschichtlichen Heilsträger um der Freiheit willen. In dieser Welt bezieht sich der Mensch ausschließlich auf den Menschen. „Der Lahme führt tatsächlich den Blinden.“ konstatiert Ingo Lie lakonisch. |
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Mit dem Begriff der „Dritten Natur“ bezieht sich Lie auf die Schöpfungen, die der Mensch selbst bewirkt, auf eine Welt, in der er seine Behausung sucht, seine Unverwechselbarkeit reflektiert und seine Identität definiert. Zitat: „Sie ist sein Stamm, seine Gesellschaft, sein Staat, seine Einrichtung, seine Burg, sein Schloss, sein Garten, seine Hoffnung, sein Paradies und sein Recht, seine Verantwortung, seine Überantwortung. Die Dritte Natur ist die technologische, die erste allein vom Menschen geschaffene Welt, die über kurz oder lang eine von ihrem Schöpfer unabhängige Existenz führt.“
Die von Menschen geschaffenen Transformationen aus elementaren Stoffen wie physikalischen und mathematischen Gesetzmäßigkeiten lassen die unbekannte göttliche Schöpferkraft, aus der alles entsteht, entstanden ist und vergeht, in dem Maße zunehmend aus dem Blickfeld treten, wie wir unserer Sache sicher sind.
Diese Transformation also von uns zugänglichen Stoffen und Naturgesetzen in z. B. Gentechnologien und dem sich zunehmend selbst verwaltenden Sozialstrukturen zum Beginn des 3. Jahrtausends nach Christi reflektiert Lie mit wenigen Figurationen und Zeichen der Neuzeit. Um näher heranzugehen geht er weit zurück, evoziert er die Sichtbarmachung von Urbildern, lenkt er unsere Blicke auf Elementares. Siehe auch: BABYLON
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Die Farben Rot und Blau als Bahnen, Lineaturen und Strukturen in Lies Bildwelten und Objekten beziehen sich dabei in ihrer Korrespondenz zueinander nicht aus einer von ihm erdachten Farbtheorie, entäußern ebenso auch keine sinnlich-emotionale Empfindung, sondern werden in ihrer Erscheinung erkenntnistheoretisch reflektiert. Für Ingo Lie stellt sich Blau so als geistige Energie dar. Zitat: „ in der der Klang des Eigenen entsteht und in der dieser Klang vernommen werden kann.“
Blau als geistige Energie trägt Gesetze von Maß und Ordnung, die der Mensch empfängt und aus denen heraus er bewusst (mit welchem Ausgang auch immer) handelt. Blau ist an seinen Grenzen unfassbar, in seinen Weiten nicht auszuloten. Es empfängt, ist Plasma und Raum und damit die Essenz, die Leben ermöglicht.
Rot wird als körperliche Energie bestimmt. Trägerin unserer Schmerzen und Freuden, unserer Kraft und dem Versiegen unserer Kraft.
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Rot und Blau sind Träger von Eigenschaften. Sie bedeuten Metaphern für die Wirksamkeit von Energien, in denen und aus denen Leben möglich wird. Entscheidend nur ist, das weder Rot für sich allein noch Blau für sich allein Leben zu schaffen imstande ist. Erst in ihrer Gemeinsamkeit ist das Kreative möglich.
Wir vermögen in Ingo Lies Arbeiten zu ahnen, wie sehr Mensch, Tier und Pflanzen in den Lebensprozessen miteinander verwachsen und verwurzelt sind, in welchem Maße wir an Erfindungen und Entwicklungen gekettet sind, von denen wir uns doch einstmals Freiheit versprochen haben. Mensch und Tier zeigen sich in den Bildern und Objekten Lies entkleidet und bloßgelegt in einem System von miteinander verbundenen Adern, die sich auch als Fluss, Weg oder Straße begreifen lassen, auf denen wir durch das innere und äußere Leben reisen; Wege, die die Wahrnehmung von Welt dort enden lassen, wo das Andere, das Unbekannte beginnt. |
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Letztendlich gehen ja alle Reisen, die wir in unserem Leben unternehmen können, erträumen und erhoffen durch uns selbst. Die uns umgebende augenscheinliche Welt erweist sich als flüchtig. Sie bleibt uns angesichts unserer Vergänglichkeit in ihrem Wesen nicht ergründbar zwischen den Polen des Erhabenen, Schönen und dem ihr innewohnenden Potential auch an vernichtenden Kräften im Kreislauf von Geburt und Tod. Im Erahnen dieses Mysteriums zeigen die Geschöpfe aus den Bildern Lies immer wieder den Ausdruck tiefen Staunens oder der Meditation. Das Wesenhafte, Verletzbare unserer Existenz, das letztendlich „Auf-Uns-Selbst-Zurückgeworfensein“ wird mit hoher Intensität dem Betrachter erfahrbar gemacht.
Alle Bildfindungen Ingo Lies beziehen sich auf uns als Schöpfungswesen, erweisen sich als Widerspiegelungen unserer eigenen existenziellen Bedingungen. Daran angeknüpft haben die Postulate einer Verantwortung für unsere Mitgeschöpfe und die Natur den Charakter des alles Umfassenden. Kurt Märzhäuser, 2006 |
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